Willkommen im 21. Jahrhundert

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oder: esport goes Olympia, eine Frau gewinnt das SC2-Turnier – und Du sitzt zu Hause und fragst Dich, wie Quentin Tarantino Dich bloß so enttäuschen konnte. #metoo
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Am 5.02.2018 wurde laut Intel – so steht es auf Twitter – Geschichte geschrieben.

12 years ago, Intel Extreme Masters changed the course of esports by bringing pro-gaming to the world stage. Today we are making history ahead of the Winter Games .

Beteiligt bin ich an diesem Projekt nur mit einem Mini-Bruchteil gewesen. Es wurden Videos vorproduziert, die ein Cutter und ich für die ESL in Köln mit Hilfe vom dort ansässigen Spitzenteam angefertigt haben; Freudiger Weise – wie man hier sieht – wurden sie auch benutzt 😉 und haben den Zuschauern die Infos vermittelt, die gewünscht waren.
Wenn man selbst an etwas mitgearbeitet hat, ist der Anreiz natürlich umso größer, sich das Endergebnis auch anzusehen. Und das ist ja mit das Beste am esport: Von zu Hause kein Problem, dank Livestream.

Neben dem interessanten Sachverhalt, dass StarCraft2 ein Teil der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang ist, finde ich zu Beginn noch ein klitzekleines Bisschen relevanter, dass Scarlett sich für die Round Of 16 qualifiziert hat. Scarlett, eine kanadische StarCraft Spielerin, tritt als einzige Frau in diesem Wettkampf an – und holt, wie ihr hier sehen könnt, am Ende auch noch die Trophäe.


StarCraft ist nicht unbedingt mein Top-Favorit, was die Competitive Scene angeht (das liegt in erster Linie daran, dass ich zu langsam für das Spiel bin), aber ich freue mich, als die junge Kanadierin ihren Gegner sOs komplett dem Erdboden gleichmacht. Endstand: 4:1

Ich scrolle mich durch die Timelines der Gegner und checke Instagram: „GG Scarlett“ oder „Absolut verdient gewonnen“ liest man hier. Glückwünsche vom Blizzard – Entertainment Co-Founder, Mike Morhaime. Tausende Re-Tweets des Trophy-Lifts. Aber keiner schreibt:

Ey, XY. Voll peinlich. Du hast gegen ein Mädchen verloren.

Niemand schreibt darüber, dass ihre Haare schick aussehen oder wieso sie nicht mehr Haut zeigt; das sie sich vom Acker machen soll, weil das hier ein Männersport ist (kommt dem ein oder anderen vielleicht bekannt vor, wenn es um Frauenfußball geht, wa?). Es geht hier nur um Skills. Um Scarlett’s Leistung vor dem Monitor. Und die hat gepasst, sonst hätte sie das Turnier schließlich nicht für sich entscheiden können.
Das macht mich glücklich. Grundsätzlich, weil ein spannendes esport-Tournament immer cool ist (solltet ihr Euch mal ansehen; für Köln (CS:GO) gibts hier noch >> Tickets ), aber vor allem wegen der Zeit, in der wir gerade leben.

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Die #metoo-Aktion hat viele düstere Stories ans Licht gebracht. Endlich haben sich Menschen dazu durchgerungen, ihre Leidensgeschichten nicht mehr in sich hineinzufressen, sondern publik zu machen.
Und ich nutze hier bewusst den Begriff Menschen, weil lange lange nicht nur Frauen Opfer von Sexismus sind. Doch leider – und das ist wie immer die Kehrseite der Medaille – hat dieser in meinen Augen sehr gute und starke Aufruf auch das dunkelste in unseren allseits beliebten Schreibtischtätern hervorgebracht. Kommentare, wie zum Fall von Uma Thurman, die das Wort ergriffen und das Augenmerk auf Allrounder Quentin Tarantino gelenkt hat, machen das deutlich.
Ob es milde Aussagen wie „Heuchlerin“ oder „Ah, jetzt kommt sie auch noch mit was um die Ecke“ sind, oder aber Dinge wie „Als ob sie ihm für den Erfolg, den sie hat, keinen gelutscht hätte“ oder „Erst schlucken und dann petzen, dumme F****“ zeigen einfach nur, in was für einer schwachen Gesellschaft wir leben. Wo viele der Kommentierenden – und das ist leider nun mal so – Männer meinen, dass, nur weil viele lange stumm geblieben sind, alle, die #metoo nutzen, auf einen Zug aufspringen um Aufmerksamkeit zu erhaschen.
Ey, bestimmt gibt es auch hier so einige Trittbrettfahrer. Aber nicht jedes Opfer ist ein Mitläufer / „Fake-Victim“ (wie es so schön im Netz geschrieben steht). Man kann nicht immer alle in einen Topf werfen.
Die Frage ist nur: Wieso tun diese Menschen das trotzdem? Nehmen nichts und niemanden für voll? Weil sie selbst zu schwach sind? Weil sie enttäuscht sind? Oder weil sie nicht wahrhaben wollen, dass es verdammt nochmal viele Vollidioten da draußen gibt, die sie vielleicht als Vorbilder oder Idole gesehen haben? Und letzte Frage: Wieso fällt es ihnen so leicht so laut zu werden, wenn es um Frauen geht, die sich äußern?

Ich habe leider keine Antwort auf diese Fragen, aber noch ein schönes Beispiel aus dem Sport (und noch viel mehr als das), der leider auch nur dahin blicken lässt, dass der Tunnel der menschlichen (hier leider nur männlichen) Dummheit unendlich lang scheint:
Die 16-jähre Jade Hameister aus Australien reist als jüngste Frau in der Geschichte zum Süd-Pol und berichtet in einem Vortrag darüber. Was kommentiert der Großteil der Männer?

Among the commenters on the talk’s YouTube video were several men saying „make me a sandwich“, a catchphrase used by male internet trolls to mock women by implying they should stay in the kitchen.

Gott sei Dank kann die junge Frau mit den Trollen umgehen und antwortet schlagfertig mit einem Foto, auf dem sie ein Sandwich hält. (Quelle: www.facebook.de/jadehameister)

Sie schreibt:  I skied back to the Pole again… to take this photo for all those men who commented “Make me a sandwich” on my TEDX Talk. I made you a sandwich (ham & cheese), now ski 37 days and 600km to the South Pole and you can eat it xx

Eine Reaktion, die besser nicht sein könnte. Aber leider können wir nicht davon ausgehen, dass ein jeder in unserem Alltag so eine starke Persönlichkeit aufweist und so schlagfertig reagieren kann.
Und um jetzt meinen riesigen Bogen zurückzuschlagen: Das ist der Grund, wieso ich den Sieg von Scarlett so wichtig finde. Niemand musste sich hier gegen Vollidioten wegen Sexismus verteidigen. Die Trolle wurden überlagert von begeisterten Kommentaren, von positiven Vibes. Caster, Crew, Analysten, Fans – alle behandeln die Spielerin wie jeden anderen auch. Und das ist der einzig richtige Weg, der zu einer umfassenden Akzeptanz in einer Sportart führen kann.

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Ich würde Euch gerne erzählen, dass esport frei von Sexismus ist – aber das kann ich leider nicht. Auf den Events auf denen ich bisher war, gibt es immer noch Kunden die mit meinem Kameramann sprechen, statt mit mir – obwohl der zuvor klar gesagt hat, dass ich das Projekt leite und die Ansprechpartnerin bin. Es gibt immer Fans in der Crowd die meinen, mir an den Hintern fassen zu können, nur weil wir dicht gedrängt vor der Bühne stehen um den Trophymoment zu filmen.
Und es gibt immer noch den Chat, der GRILLed bis zum Umfallen, weil wir in einem unserer Backstage-Features ein Mädchen interviewt haben und es in Übergröße auf der Leinwand zu sehen ist.

Aber neben diesem negativen Bullshit ist es jedoch viel wichtiger, das es hier positiv voran geht: Wir haben Pressesprecherinnen, Casterinnen, Fotografinnen, Moderatorinnen, Kamerafrauen und viele mehr. Frauen, die sich anziehen, wie sie wollen. Die die gleiche Bezahlung erhalten, wie ihr männliches Gegenüber. Die ihren Job hervorragend machen – und die stark sind. Die zwischen Komplimenten und Sexismus entscheiden können. Die vielleicht nicht resistent sind, gegen alles was im Netz steht, aber selbstbewusst genug, andere Frauen zu motivieren, ihre Zukunft hier zu suchen.

Und das ist die #FemaleFutureForce, zu der ich gerne dazugehöre.

 

 

 

 

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